Briefe von Georg Huss

3 Briefe von Georg Huß zum Gefängnisalltag, Repression und dem täglichen Kampf um elementare Grundbedürfnisse.

Samstag 4.2.2017

Lieber Olivier!

Ja danke für deine Zeilen, eure Radiosendung und Veröffentlichung im „L’Envolée“ …

Ich gehe mal davon aus, dass Ihr mit den GenossInnen in Leipzig (leipzig@ggbo.de) und in Wien (ggboraus-soli-wien@autistici.org) in Kontakt seid.

Ich schreibe/beschreibe eigentlich alles was mir so geschieht und meine Gedanken in meinen Briefen … Aber da eben Briefe, die ich der deutschen Botschaft zum Weiterleiten beilegte, zurückkamen, lege ich die gleich Euch bei a) zum Lesen b) zum Weiterleiten. Der Durststreik ist mittlerweile beendet. Telefoniert hab ich bis heute mit keinem…

Mulhouse scheint ein spezieller Fall zu sein, hoffe ich doch, und mir spielen die besonders übel mit. Mir wird gar nichts mehr gegeben, alle Gelder gesperrt – weder Getränke, Toiletteartikel, noch so normale Zellenausstattung wie eine Klobürste, Putzeimer-Lappen, Spülschwamm, Mülleimer…

Aber das bekommt hier keiner, obwohl uns das alles zusteht! Ihr wisst ja selber, welche Rechte wir haben und wie eine Zelle, die Ausstattung und die Dinge, die uns gegeben werden müssen, aussehen… Aber hier gibt es davon nichts, absolut nichts, könnten sie uns das Essen verweigern, würden sie uns auch das vorenthalten… Keine Getränke! Ich bekomme nicht mal mein Geld, ca 400€. „Trésor Public“, wird zumindest gesagt – Beleg wird mir gar nicht erst gegeben. Stellt euch die Erniedrigung vor, der die Anstalt mich aussetzt, ich muss um Zucker, Kaffee, Tabak betteln und sogar Stummel sammeln… Irre irre irre! OK, bei mir tobt sich die Anstaltsleitung besonders aus, aber eigentlich geht es hier allen so!

Was soll ich über meinen/unsere Kämpfe berichten, ich bin bald ein Gefangener-Gewerkschafter-Rechtler, und da ich komischerweise in die eigenartigsten Gefängnisse komme, mach ich die Missstände halt publik, und setze meinen Körper als „Waffe“ ein, hab ja kaum eine andere, mir ist ja hier total die Sprache genommen… Bin auch so sprachlos ob der Zustände in Frankreichs Knästen! Als würde Frankreich eher in „Afrika“, Türkei… liegen als in Europa. Aber was erzähl ich Euch, ihr wisst es ja selber. Ich hab ja das ganze Wochenende Zeit Euch zu schreiben… Also leg ich mich erst mal hin, der Hungerstreik und Stress schlaucht ganz schön.

Freitag 3.2.2017 16:00

Jetzt komm ich grad vom Arzt und wiege 61,5 kg, normal hab ich 72kg, noch einen Monat will ich hier durchhalten und dann ab ins „Hospital“. Ihr wisst ja, dass es hier nicht um mich und meinen persönlichen Vorteil geht. Ich will, dass sich hier was für alle zum Bessern verändert, und das die Gefangenen/und die Menschen „draußen“ auf das Problem aufmerksam gemacht werden und Gefangenen-Gewerkschaften wie in Deutschland und Österreich gründen!

Wir brauchen eine Stimme, auch in Frankreich! Leider muss ich dazu zu so drastischen Mitteln greifen und meine Gesundheit aufs Spiel setzen. Aber das ist es mir wert! Kein Gefängnis, kein Land mehr ohne Gefangenengewerkschaft! Nur wenn wir uns vereinigen, haben wir eine Chance unsere Rechte einzufordern, Artikel 11 Europäische Menschrechtskonvention!

Tja nicht einmal der Arzt kann oder will mir Getränke (Tee, Saft, Milch, …) oder Traubenzucker, Vitamine, Mineralstoffe,… verschreiben. Was ist hier los, das ist unterlassene Hilfeleistung!

Das,, was ich fordere steht doch jedem Gefangenen gesetzlich zu, will die Justiz das nicht verstehen? Ich tu mir ein wenig schwer, Euch (unbekannterweise) zu schreiben, auch weiß ich nicht, wie weit ihr im Bilde über mich, meine Arbeit, oder die GG/BO und GG/BO-RAUS seid…

Schickt mir doch bitte einen „Fragenkatalog“ und das was in der Sendung gebracht wurde oder im Internet über meinen Kampf hier veröffentlicht wurde, gern in Französisch und mehrfach zum Verteilen. Die Straßenzeitung „Augustin“ berichtet schon seit drei Jahren über meine/unsere Kämpfe und bringt in der nächsten Ausgabe auch was…

Schickt mir doch bitte einige „alte“ Ausgaben Eurer „L’Envolée“. Die Leute hier sind bestimmt an Initiativen hier in Frankreich interessiert…

Ach ja die Briefmarke ist – dank Prittstift – abwaschbar, legt sie mir wieder bei und falls möglich 2-3 oder mehr Marken… Ich schreibe, schreibe, schreibe 15-20 Briefe wöchentlich – auch an einige Häftlinge, da ich ja weiß wie sich jeder über Post freut, auch bekommen die nur so Infos. Tja, solltet ihr Gefangene kennen (englisch, deutsch, spanisch), denen ich schreiben kann, gebt mir Bescheid, ich schreib denen auch in Freiheit…

Dass ich europäisch denke und agiere wisst Ihr ja sicher auch, das macht die Gefangenenbewegung ja so stark. In Frankreich, Österreich oder Deutschland kann ja die Justiz „ihre“ Widerständler unterdrücken, aber wenn in einem anderen Land darüber berichtet wird, sieht die Sache schon ganz anders aus. HiHiHi. Zur Zeit spiele ich in drei Ländern mit den Justizen HiHiHi. Ein gefährliches „Spiel“ und oft hab ich Angst um mein Leben, ich trau denen ja alles zu. Sorry, dass das jetzt „nur“ ein Brief wird, aber ich bin soooo kaputt und kann weder schön schreiben, noch meine Gedanken sammeln.

Sonntag Früh 5.2.2017

Seit 04:00 schreib ich Briefe… seit Freitag sind es schon 8, aber ich denke, das war‘s so ziemlich fürs Wochenende. Montag geht’s dann weiter, ich hab mehr Post als der Rest der JVA zusammen. Aber ich hab Zeit, das ist meine Arbeit und macht mir Freude! So jetzt erst mal die 7:30 „Siesta“, weil hier schön langsam der „Trubel“ einsetzt, der „Mitbewohner“ sicher gleich „Kultur-Zeit“ weg- und „Pawn-Stars“ herschaltet,… Leider muss ich auch gegen meine Mitgefangenen „ankämpfen“, so mancher empfindet mich als Nestbeschmutzer. Oft rechtfertigen Gefangene die Anstalt, lachen mich aus – und wenn ich was bewirke, war das nie und nimmer ich. Oft ist es der Neid oder was weiß ich…

Verstehen tun mich die wenigsten, wissen besser, was ich wie tun sollte und sobald die dann „draußen“ sind, gehen die an die Presse, ziehen vor Gericht usw. Ach Ihr kennt das ja und ich hab mittlerweile ein dicke Haut und bin ja nicht mehr alleine. Schön ist es halt nicht, ich brauch ja von denen keine Anerkennung, aber mich noch extra belasten muss auch nicht sein… So genug gejammert! Ich wusste ja, worauf ich mich einlasse.

Die Postabgabe steht bevor… Also werde ich zum Schluss kommen. Stellt mir einfach Fragen, ich glaub das ist am besten, aber ich geh davon aus, dass Ihr das meiste aus meiner „Historie“, meinen Briefen ersehen könnt. Die GG/BO-RAUS und die GG/BO Leipzig steht Euch für Fragen auch zur Verfügung. Ich bin ja nur ein Teil der GG/BO…

Solidarische Grüße Euer Georg Huß

Postabgabe doch wieder erst morgen Früh, Morgen werden die mir wieder etwas Anderes sagen, z.B.: Erst bei „Promenade“ um 09:00, Postkastenleerung ist aber um 08:00… Ich werf den schon früh genug ein, hat bis jetzt immer geklappt. Oh welche „Luxusprobleme“ haben wir da in Deutschland! Hier brauch ich wegen Renten- und Sozialversicherung gar nicht anfragen, die lachen mich aus – hier kämpft man ums Überleben! Ich dachte in Österreich hab ich das Schlimmste erlebt, aber das hier – da fehlen selbst mir die Worte. Von wegen Artikel 11 Europäische Menschrechtskonvention – erst mal Klopapier… Wenn die Gefängnisse ein Spiegel der Gesellschaft sind, ist es um Frankreich nicht gut bestellt, und ihr wollt westliche Werte in aller Welt verteidigen. Wenn das die Werte sind, lasst sie bitte in Frankreich… Das kann man der Welt ja nicht antun.

Krass ist auch, dass mir hier keinerlei Putzmittel und Gerätschaften (Eimer, Besen, Lumpen) gegeben werden, ich muss auf den Knien mit meinem Handtuch oder T-Shirt den Boden putzen und das wird mir – wie meine Wäsche – nicht mal gewaschen. Ich muss/wir müssen die Wäsche per Hand in der Zelle waschen!!! Wo in Europa außer in Frankreich gibt es so etwas? Auf den Tausch der Bettwäsche warte ich schon wieder die 4te Woche, soll ich die auch selber waschen? Ich wundere mich nicht über die vielen Attentate in Frankreich, wer so mit Gefangenen (hauptsächlich mit Migrationshintergrund) umgeht, braucht sich über Radikalisierung nicht zu wundern… Oder ist das gar gewollt, um dem Repressionsapparat noch mehr Macht zu geben? Ich ende bevor ich noch über die „Grande Nation“ herziehe…

Bis Bald!!!

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Ein Kommentar zu Briefe von Georg Huss

  1. branka sagt:

    be strong, be positive, be fine…you the best…

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