Brief von Georg Huß vom 22.12.2016 zu den Zuständen in Mulhouse und seinem Hungerstreik

Auf Wunsch von Georg Huß veröffentlichen wir einen Brief von Dezember 2016, in dem er die Zustände in Mulhouse schildert und den Hungerstreik ankündigt, den er am 1. Jänner 2017 begonnen hat.

Mulhouse, den 22.12.16

Liebe Monika!

Danke für Deine Zeilen. Ich hab eh schon einen Brief aufgesetzt, aber mangels Briefmarken … Tja, wie üblich bleibe ich meinem Delikt treu, d.h., ich nehme mir die Freiheit, die repressive Hanf Prohibition zu ignorieren – auch eine Art des Protests. Mit 1,5 kg Hanfblüten wurde ich vom Zoll aufgegriffen, im Schnellverfahren zu 12 Monaten verurteilt, mittlerweile 3 Monate Haftreduktion erhalten (gute Führung?)

Bei meinem Glück habe ich scheinbar den schlimmsten Knast Frankreichs erwischt und spüre nun am eigenen Leib, wie es ist, kein Wort zu verstehen … In Haft bekomme ich ausschließlich Schriftstücke in Französisch, keine Erklärung und auch keinen Dolmetscher. Ich will ja nicht jammern, aber die Zustände hier in Mulhouse lassen die österreichische Justiz weit hinter sich. Ich werd mich nicht in Details verlieren, da sich dies ein Außenstehender eh nicht vorstellen kann.

Die vorherrschende Hauptfarbe ist dunkel bis schwarz (ca. 80%), die verbleibenden „Weißen“ sind zu 80% Ausländer, dies lässt auf rassistische Rechtsprechung schließen.

Wie, denkst du wohl, reagiere ich auf solche Zustände?
Eine Gefangenengewerkschaft gründe ich nicht gleich, dazu reicht die Zeit nicht, aber diverse Aktionen bereite ich gerade vor (mit Hungerstreik ist zu rechnen). Hier brodelt es unter den Gefangenen, ein Funke dürfte genügen und ich zündle. Mit anderen Ausländern spreche ich bereits, animiere sie, ihrer Botschaft zu schreiben… Ein herzkranker Diabetiker, der weder zum Kardiologen ausgeführt wird noch Diät bekommt, droht schon mit Hungerstreik (Ex-Jugoslawe), ein Spanier schreibt dem Konsulat … und ich weiß eh, was ich zu tun hab. Das wird mich zwar die 2-3 Monate Haftverkürzung kosten, auf die ich hoffen kann, und einige Unannehmlichkeiten bringen. Aber hab ich schon mal Rücksicht auf mich genommen?

Um auf dein Hilfsangebot einzugehen, ja, da lässt sich was machen: Unbedingt beim Justizministerium, Amnesty International Frankfurt, Amnesty London (da Amnesty sich im Land selten einsetzt), dem deutschen Konsulat usw. anrufen oder Mail schicken … Was hier los ist, warum Ausländer keine Dolmetscher haben, warum hier Ungezieferbefall herrscht, warum Überweisungen schier unmöglich sind, ärztliche Versorgung so schlecht, Anstalt baufällig. Wehe, mir passiert was … Je mehr das tun, umso besser! Ich will nicht verlegt werden, da die Zustände hier publik werden müssen.

Dann benötige ich Post, Post, Post, am besten von NGOs, Seelsorgern, usw.

Ich verstehe nicht, wie mit Menschen so umgegangen werden kann und keiner unternimmt was. Sorry, der letzte Satz war nicht so gemeint, bzw. in Deinem Brief absolut unpassend.

Noch was zur ärztlichen Versorgung: Ich hab ja ganz schlechte Zähne und Parodontose … akute Schmerzen. Was ich dem Arzt sagte und einen Antrag auf Zahnarzt stellte … Da mir das hier doch ein wenig zu schaffen macht, knirsche ich scheinbar nachts mit den Zähnen, hab eine Plombe verloren, ein Zahn ist „zerbröselt“ und einen Backenzahn, der schmerzte, hab ich mir schon selbst gerissen. An dem ohne Plombe „spiele“ ich grad rum, weil er schmerzt, hab’s bald geschafft und er schmerzt nicht mehr. Die JA Eisenstadt war aber auch nicht besser, da musste mir erst das Gesicht zuschwellen, bis ich ne Ausführung bekam. Ich wolle eigentlich nach Neujahr nach Serbien fahren, um mir komplett die Zähne machen zu lassen. Leider ist jetzt mein Geld wieder weg und dass die hier was machen, bezweifle ich.

Jetzt aber zu was Erfreulichem! Toll, was Ihr in Österreich macht! Olli hat mir schon kurz berichtet … ich hab vor Freude geheult, als ich Deinen und seinen Brief gelesen hab. Ich bin Euch allen so dankbar, so stolz auf das, was wir geleistet haben und Ihr noch immer leistet. Zu unserem Grundsatzprogramm kann ich leider wenig beitragen, dazu fehlt mir halt die Bildung und das Hintergrundwissen. Ich will unsere Sache nicht mit unpassenden Äußerungen torpedieren. Eine Bitte hab ich: Lasst es nicht zu „kopflastig“ werden, dass sich auch der gemeine Knacki noch damit identifizieren kann. Hier will ich, wie in Österreich, die Idee der Gefangenengewerkschaft zünden und darauf hoffen, dass GenossInnen das auch aufgreifen oder, falls schon vorhanden, ich dem Ganzen einen kleinen Schub geben kann.

So, jetzt erschlag ich noch ein paar Kakerlaken und leg mich schlafen, Post geht ja eh erst nach Weihnachten raus …

Unbeschreiblich, ich weiß nicht, ob ich lachen oder heulen soll. Gute Nacht

Hab grad einen kleinen Hänger, das ist das Härteste, was ich je erlebt hab. Die Kakerlaken machen mir zu schaffen, obwohl es da noch Einiges mehr gibt, das mir sehr nahe geht.

Ist schon wieder ok, hab mich entschieden, doch über das Ganze zu lachen.

Das „Wichtigste“ hab ich geschrieben und im nächsten Brief hab ich wohl so einiges Neues zu berichten. Du glaubst gar nicht, wie mich Deine Zeilen gestärkt haben.

Liebste Grüße an Oliver, der wohl schon drei meiner Briefe erhalten hat, vergesst mir auch bitte den Herwig Baumgartner nicht (auch wenn er ein streitbarer Geist ist).

Danke

Dein Georg

P.S.: Ich probier, den Brief (mittlerweile) heute abzugeben, wer weiß, vielleicht geht er ja noch raus.

Danke und solidarische Grüße auch an alle anderen MitstreiterInnen!

Dieser Beitrag wurde unter Briefe von gefangenen Mitgliedern, Georg Huß, International veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.